13 | 03 | 2026
Ein unsichtbares Sicherheitsnetz
Rund 120 Alterswohnungen zählen die beiden Wibrandishäuser am Allschwilerplatz in Basel. Seit 2025 ist die Wibrandis Stiftung Eigentümerin der Liegenschaften und hat diese für den Betrieb an das Bürgerspital Basel (BSB) vermietet. Die Menschen in den Wibrandishäusern leben selbständig, können aber ein vielfältiges hausinternes Angebot nutzen und erhalten im Notfall Unterstützung. Standortleiterin Stéphanie Herrmann und ihr Team sind jeden Tag vor Ort.
Stéphanie Herrmann hatte einen steilen Einstieg bei den Wibrandishäusern 1 und 2. Bereits nach knapp einem Jahr im Betrieb übernahm sie am 1. Januar 2025 offiziell die Standortleitung für die beiden Liegenschaften mit rund 120 Alterswohnungen an der Allschwilerstrasse 73 und am Allschwilerplatz 9. Herrmann ist nicht nur für die Teamleitung und die Aussenkontakte wie etwa zu Spitälern und Behörden verantwortlich, sondern führt auch die Aufnahmegespräche mit interessierten Personen. Dabei geht es nicht nur um ein Kennenlernen, sondern auch um eine Abklärung des Gesundheitszustandes. Voraussetzung für den Einzug in die Wibrandishäuser ist nämlich, dass die Personen ihr Leben selbständig meistern können. Haben sie eine Wohnung bezogen, werden sie von Herrmann und ihrem Team im Alltag unterstützt. Die hausinternen Angebote und Hilfeleistungen können bei Interesse und Bedarf in Anspruch genommen werden. «Diese sind wie ein unsichtbares Netz, dass den Bewohnerinnen und Bewohnern ein Sicherheitsgefühl vermittelt», sagt Stéphanie Herrmann. So gibt es beispielsweise die Möglichkeit einer täglichen Anwesenheitskontrolle, die von 80 % der Bewohnerinnen und Bewohner genutzt wird. Falls bis um 13 Uhr ein Schieber am Briefkasten nicht auf grün gestellt wird, nimmt die Standortbetreuung Kontakt mit der entsprechenden Person auf.
Wichtiger Bezugspunkt für die Bewohnerinnen und Bewohner ist das Hauswirtschaftsteam. Es unterstützt nicht nur beim Reinigen und Wäsche machen, sondern nimmt sich auch Zeit für einen kurzen Schwatz. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter haben alle einen Pflegehilfekurs absolviert und fühlen durch den täglichen Kontakt den Puls der Menschen. Weitere Mitarbeiterinnen in der Standortbetreuung garantieren eine tägliche Präsenz von 7 bis 20 Uhr, ein Telefondienst steht ausserdem 24 Stunden zur Verfügung. Bei den Angeboten wird darauf geachtet, dass die Bewohnerinnen und Bewohner in ihrer Selbständigkeit unterstützt und nicht bevormundet werden. Der Wäscheservice hilft etwa beim Abziehen des Bettüberzugs, falls dies gewünscht wird. Zweimal pro Woche übernimmt der Einkaufservice das Einkaufen oder hilft beim Tragen. Zusätzlich zum täglichen Mittagstisch wird der Kaffeenachmittag am Mittwoch rege genutzt. «Viele Bewohnerinnen und Bewohner, vor allem solche, die kein eigenes soziales Netz haben, geniessen diesen Nachmittag», sagt Stéphanie Herrmann. Das BSB organisiert vor Ort Anlässe im Jahresrhythmus: Es gibt einen Osterkaffee, einen Grillplausch im Sommer, einen Jahresausflug und ein Weihnachtsessen. Und für tägliche Bedürfnisse kommen der Coiffeur, die Physiotherapeutin und die Podologin direkt zu den Bewohnerinnen und Bewohnerin ins Haus.

Der Bauverein Oekolampad setzte sich für altersgerechte Wohnungen ein
Die beiden Wibrandishäuser stehen gegenüber dem Gemeindehaus Oekolampad, sie haben eine gemeinsame Geschichte mit der ehemaligen Kirchgemeinde. Unter Federführung von Pfarrer Reinhard Kuster setzte sich der Bauverein Oekolampad für altersgerechte Wohnungen ein. Am Standort des ehemaligen Pfarrhauses an der Allschwilerstrasse 73 entstand 1965 das Altersheim Oekolampad, das heutige Wibrandishaus 2, mit über 20 Wohnungen. Der Bauverein sah darin eine Antwort auf eine Wohnungsnot, die vor allem die alten Leute sehr hart getroffen habe. Nach Kusters Pfarrzeit baute der Bauverein Oekolampad 1975 mit dem Wibrandishaus 1 am Allschwilerplatz 9 ein weiteres Gebäude mit rund 100 Alterswohnungen.
Der Bauverein Oekolampad betrieb die beiden Liegenschaften bis vor Kurzem in Eigenregie. Dieter Stohrer präsidierte lange Jahre die Betriebskommission des Bauvereins, die Ansprechpartner für die Standortleitung vor Ort war. In den letzten Jahren habe sich gezeigt, dass die Kosten für den längerfristigen Unterhalt der Gebäude die Möglichkeiten des Bauvereins übersteigen würden, sagt Stohrer. Der Bauverein hätte den Aufwand für die Baukosten nur leisten können, wenn er die günstigen Mietpreise für die Alterswohnungen erhöht und Angebote wie den täglichen Mittagstisch reduziert hätte. Damit wäre aber die Grundidee des Bauvereins, günstigen Wohnraum für ältere Menschen anzubieten, untergraben worden. Der Bauverein ging deshalb auf die Suche nach einer Nachfolgelösung. «Mehrere Interessenten sagten nach ersten Gesprächen ab, weil sie das finanzielle Risiko einer Übernahme nicht eingehen konnten oder wollten», sagt Dieter Stohrer, der einst als Delegierter für den Vorstand der Kirchgemeinde Oekolamapad zum Bauverein gestossen war.

Der Bauverein nahm Kontakt zur Wibrandis Stiftung auf, die in unmittelbarer Nachbarschaft das Gemeindehaus Oekolampad von der Kirche übernommen hatte. In einem intensiven Prozess mit vielen Abklärungen zu den Liegenschaften lernten sich die beiden Seiten kennen. «Der Vorstand des Bauvereins war sehr glücklich, dass sich die Wibrandis Stiftung entschied, die Gebäude zu übernehmen», sagt Dieter Stohrer. Die Stiftung tat dies auf den 1. Januar 2025 mit der gemeinsamen Absicht, die bestehende Alterssiedlung weiterzuführen. Für den Bauverein war dies ein Win-win-Entscheid, auch wenn er das eigene Ende bedeutete. Die Mitgliederversammlung des Bauvereins Oekolampad beschloss im Sommer 2025 die Vereinsauflösung.
Günstiger Wohnraum für ältere Menschen – auch mit Ergänzungsleistungen
Auch mit der neuen Eigentümerin bleibt es die Aufgabe der Wibrandishäuser, günstigen Wohnraum für ältere Menschen anzubieten. Dieser Haltung fühlt sich auch Stéphanie Herrmann verpflichtet. Auch für Menschen, die auf Ergänzungsleistungen angewiesen sind, sollen die Wibrandishäuser ein Zuhause sein können. Herrmann erlebt die Arbeit vor Ort als intensiv, aber auch sehr sinnstiftend. Kein Tag sei wie der andere. «Nach mehreren Jahren im Gesundheitsbildungsbereich hat es mich wieder an die Front gezogen», sagt Herrmann, die ursprünglich aus dem Alterspflegebereich kommt. Mit Blick auf die gesellschaftliche Entwicklung erwartet Stéphanie Herrmann auch für die Wibrandishäuser eine herausfordernde Zukunft. Viele Menschen entscheiden sich erst spät für eine altersgerechte Wohnform. Das Durchschnittsalter der Bewohnerinnen und Bewohnern in den Wibrandishäusern liegt – bei einer Altersspanne von 60 bis 97 Jahren – bei 82 Jahren. Ein Umzug geschehe oft erst nach einer Belastungssituation wie zum Beispiel einem Spitalaufenthalt und einer danach eingeschränkten Mobilität. Es sei deshalb manchmal schwierig einzuschätzen, wie selbständig die Bewohnerinnen und Bewohner den Entscheid für einen Umzug in die Wibrandishäuser gefällt haben. Den Erhalt dieser Selbständigkeit mit Impulsen zu fördern, darin sieht Herrmann die Hauptaufgabe der Arbeit des gesamten Teams.
Benedikt Pfister