Inspiration und Begegnung am langen Tisch

Sarah Berrel von der Wibrandis Stiftung schafft mit dem Quartierznacht einen Ort, wo sich Menschen aus dem Quartier und dem Gemeindehaus begegnen.

Mittwochabend im April 2026, kurz vor 19 Uhr: Sarah Berrel von der Wibrandis Stiftung und Beatrice Heidig vom Quartierzentrum Oekolampad sitzen vor dem Bistro Rosa in der Abendsonne. Sie schauen zum Turm des Oekolampad und reden über den Falken, der ihn bewohnt. Gleichzeitig halten sie fast unmerklich Ausschau – nach Menschen, die an diesem Abend ins Bistro Rosa zum Quartierznacht kommen. Der schön gedeckte, lange Tisch ist noch gänzlich unbesetzt.

Stammgäste und neue Gesichter

«Ich bin vor jedem Quartierznacht etwas angespannt», meint Gastgeberin Sarah Berrel.  Wird sich der Tisch auch dieses Mal füllen? Was für Menschen werden kommen? Welche Begegnungen werden sich ergeben? Bevor sie länger über diese Fragen sinnieren kann, taucht der erste Gast auf. Es ist ein Nachbar des Hauses, den die Gastgeberinnen bereits kennen. Auch dieses Mal hat er mehrere Ideen für das Gemeindehaus mitgebracht, die er mit Sarah Berrel besprechen möchte. Der nächste Gast ist ein junger Mann, der einfach mal sehen wollte, wie das am Quartierznacht so ist. Nach und nach folgen mehrere Stammgäste und auch neue Gesichter. Zwei jungen Frauen sind extra für das Begegnungsformat an den Allschwilerplatz gekommen. Der Tisch ist auch dieses Mal sehr gut besetzt.

Gemeinsames Essen verbindet

Auf die Idee für das Quartierznacht ist Sarah Berrel gekommen, als sie beobachtete, dass im Bistro Rosa viele Einzelpersonen einkehren. Ganz offensichtlich fühlen sie sich im Bistro mit seinen ausgedehnten Öffnungszeiten und dem grosszügigen Innenraum besonders wohl. «Das spricht für das Bistro, das ja eben ein Aufenthaltsort für alle sein soll», meint Sarah Berrel. Sie habe aber auch gesehen, dass die Einzelpersonen meist für sich bleiben und kaum miteinander ins Gespräch kommen. Um dies zu ändern, schuf sie das entsprechende Format, bei dem auch der Oekolampad-Nachbar und pensionierte Pfarrer Martin Dürr als Gastgeber mitwirkt. Weitere Gastgeberinnen sind die Leiterinnen des Quartierzentrums Beatrice Heidig und Barbara Stamm.

Sarah Berrel setzt sich regelmässig im Bistro Rosa an ihren Computer und lässt sich von ihrer Umgebung inspirieren. Foto: Donata Ettlin. 

Bei den ersten Austragungen hatte Sarah Berrel noch Karten mit Fragen ausgelegt, um Anregungen für Gespräche am langen Tisch zu geben. Meist blieben die Karten ungenutzt. Auch an diesem Mittwochabend im April braucht es keinen besonderen Effort, um die Gespräche in Gang zu bringen. Die unterschiedlichen Lebensgeschichten, beruflichen Tätigkeiten oder einfach die Frage nach der Motivation, an den Stammtisch zu kommen, geben mehr als genug Gesprächsstoff. Wie ist Martin Dürr darauf gekommen, Pfarrer zu werden? Was hat Tango mit Religion zu tun? Wie lautet das Wort für queer auf französisch? Könnte man nicht Solarzellen auf dem Dach des Oekolampads installieren? Und welche Herausforderungen stellen sich heutzutage in einem Klosterbetrieb? Die Themen sind so vielfältig wie die teilnehmenden Menschen, man tauscht sich über Generationen und Disziplinen hinweg in inspirierter Atmosphäre aus.

«Gemeinsam Essen ist etwas sehr Soziales», sagt Sarah Berrel und ergänzt: «Es ist wunderschön, dass wir am Quartierznacht unterschiedlichsten Begegnungen einen Rahmen und einen kleinen Beitrag zu besseren sozialen Netzen geben können.» Dies sei ein soziales Bedürfnis im Quartier, in dem viele ältere Menschen aber auch viele junge Neuzugezogene leben, die gerne Kontakte knüpfen möchten. Und es entspreche dem Leitgedanken der Wibrandis Stiftung: «Aller Anfang ist Begegnung». «Wenn sich Menschen, die gemeinsam am Quartierznacht waren, im Quartier oder bei einer erneuten Begegnung im Bistro Rosa erkennen und Hallo sagen, ist das bereits ein schönes Ergebnis», so Berrel.

Begegnung im Bistro unter dem charakteristischen Portikus des Gemeindehauses Oekolampad: Sarah Berrel im Gespräch mit Quartierbewohnerin Regula Dürr, die sich ebenfalls für das Gemeindehaus engagiert und regelmässig Gast am Quartierznacht ist. Foto: Donata Ettlin.

Volle Identifikation mit ihrer Aufgabe

«Dass ich das Quartierznacht im Rahmen meines Jobs lancieren durfte und pflegen darf, ist ein grosses Privileg», sagt Sarah Berrel. Sie sei nach jeder Austragung schlicht beglückt nach Hause gegangen. Dass sie die Idee für das Format hatte, ist alles andere als ein Zufall. Ihr selber mache es ja auch keinen Spass, alleine zu essen, meint die 45-Jährige. 

Sarah Berrel wohnt nicht nur in unmittelbarer Nähe des Oekolampads, sie ist auch an der Allschwilerstrasse aufgewachsen. Zum Gemeindehaus und zu den Institutionen, die es seit der Umgestaltung beleben, hat sie einen persönlichen Bezug: Mit den Kindern war sie schon früher Gast im Quartierzentrum, ihre Tochter liebt das Magazin KALEIO, als berufstätige Mutter fühlt sie sich AMIE verbunden, zum Vorstadttheater hat die gelernte Szenografin einen beruflichen Bezug und das Team des Basler Wirrgartens hatte sich einfühlsam um ihre Mutter gekümmert. «Das passt alles bestens zusammen», so die Projektleiterin. Als sie sich vor Jahren bei der Wibrandis Stiftung beworben habe, sei es ihr Ziel gewesen, eine Tätigkeit nahe an ihrem Alltag zu finden, mit der sie sich voll identifizieren könne. 

Die Stiftung initiiert den Austausch

Der Traumjob Projektleiterin Gemeindehaus Oekolampad kann auch durchaus anstrengend sein. Dass die Institutionen im Gemeindehaus neben ihrem Tagesgeschäft noch Energien und Zeit für den Austausch und die Pflege des gemeinsamen Programms finden, ist keine Selbstverständlichkeit. «Wir von der Wibrandis Stiftung verstehen uns als Motivator, wenn es um die gemeinsamen Aktivitäten, das Zusammenspiel und die Entwicklung des grossen Ganzen geht», so Sarah Berrel. 

Der Schlüssel für die effiziente Zusammenarbeit von so vielen unterschiedlichen Institutionen sei simpel: Es brauche klare und verlässliche Strukturen, so die erfahrene Projektleiterin. Dass sie den Überblick über die verschiedenen Aktivitäten behält, wird bei einem Blick in ihr Büro am Sitz der Wibrandis Stiftung an der Elisabethenstrasse schnell klar: Auf dem grossen Jahreskalender treten grün, rosa und orange markierte Tage besonders hervor. Grün markiert sind die öffentlichen Anlässe, an denen sich das Gemeindehaus Oekolampad für das Quartier öffnet, rosa markiert sind die Daten für das Quartierznacht und orange die internen Projektsitzungen, an denen die Institutionen zusammenkommen.

Im Gemeindehaus Oekolampad setzt sich die Projektleiterin Sarah Berrel gerne einfach an einen Tisch im Bistro Rosa, um zu arbeiten – und lässt sich dabei von ihrer Umgebung inspirieren, wie die erfolgreiche Idee für das Quartierznacht zeigt. 

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